Rede der FAU Münsterland zur Demonstration
„Nationalismus überwinden! Grenzen einreißen!“
am 4. September in Dortmund.

Wir sind nicht Volk, wir sind klasse!
Liebe Genossinen und Genossen,

Die Krise ist fast vorbei! Dank unserer Regierung, die das Beste für uns Deutsche getan hat.
Banken gerettet, Konzerne gerettet, Arbeitsplätze gerettet, der Autoindustrie und den
Verschrottungsunternehmen neue Impulse gegeben, das Vertrauen wiederhergestellt. Das Vertrauen
in uns, unsere Banken, unser Land. Innovation kriecht aus allen Poren; dankKonjunkturprogramme,
Deutschlandpläne und allerlei mehr.

Und das schönste dabei: Die Steuern sollen deswegen keineswegs erhöht werden, sondern vielmehr
sogar gesenkt!
Vielleicht jedenfalls.
Und in der Welt stehen wir nicht schlecht da. Wir sind wieder wer.
Wir kämpfen überall für Frieden, Freiheit, gegen Unterdrückung.
An der Seite der USA und unserer europäischen Partner, gegen Fanatismus, Terrorismus und all das
Gesindel aus aller Welt, das uns bedroht.

Also: Wir können wieder stolz sein auf das Erreichte. Auf die heldenhafte Bundeswehr, die im
Äußeren wie im Inneren für Freiheit und Sicherheit aller Deutschen da ist. Die Bundeswehr ist jetzt
eine Truppe aus unserer Mitte, mit schwarz-rot-goldenen Fahnen, öffentlichen Gelöbnissen und
Werbeveranstaltungen bei der Arbeitsagentur. Jawoll, die Bundeswehr schafft Arbeitsplätze und das
ist ein wahrhaft patriotischer Akt in diesen Krisenzeiten.

Und alle sind sich einig: Wenn die Krise an unseren Arbeitsplätzen nagt, steht auch der DGB fest an
der Seite der deutschen Wirtschaft. Und alle guten Deutschen tun das selbstverständlich auch.
Natürlich außer ein paar Extremisten, die hier Autos anzünden oder Amok laufen. Dagegen helfen
aber Kameras, Vorratsdatenspeicherung, Verfassungsschutz, Kopftuchverbot, Bundeswehreinsätze
im Innern. Die Demokratie ist wehrhaft.

Aber natürlich wird die Zukunft kein Zuckerschlecken. Obacht:
Der globale Konkurrenzkampf wird härter, und wenn die Lohnkosten steigen, wird die Produktion
ins Ausland verlagert. Denn dort ist es billiger. Daher müssen wir wachsam sein, zusammenstehen,
auf unrealistische Forderungen verzichten.

Flächendeckende Mindestlöhne können wir uns daher nicht leisten. Auch Leiharbeit für sechs Euro
fuffzig muss sein, schließlich muss die deutsche Wirtschaft flexibel bleiben.

Das ist nicht ungerecht – nein: Gewisse soziale Unterschiede ergeben sich einfach. Die einen leisten
ja auch mehr als die anderen.

Als guter Deutscher schluckst du deinen Sozialneid herunter und bist lieber froh, dass du überhaupt
einen Arbeitsplatz hast.

Am besten bei einem anständigen deutschen Unternehmen.
Vereint mit Deinem Chef buckelst du vor ihm, verstehst seine Nöte, denn nur vereint retten wir den
Standort Deutschland.

Wir demonstrieren heute und morgen gegen den „Nationalen Antikriegstag“. Wir sehen aber
zugleich: Der Nationalismus besteht nicht nur in Form rechtsextremen Gedankenguts, sondern
kriecht aus jeder Pore des herrschenden Geschwätzes, des Wahlkampfes, der Medienpropaganda,
der Sozialpartnerschaft, der deutschen Arbeitsmoral samt dem DGB und HartzIV.

Dieser Nationalismus lässt sich nicht durch platte Reden oder wissenschaftliche Studien abschaffen.
Volk und Nation sind gefährlich und spalterisch.

Sie entzweien was zusammen gehört und gaukeln gemeinsame Interessen zwischen Arbeitenden
und Kapitaleignern vor.

Dass sich kaum Widerstand gegen die alltäglichen Zumutungen zwischen Arbeitsmarkt und
Überwachungsstaat regt, zeigt, dass das Ganze ziemlich gut funktioniert.
Wir müssen uns organisieren!

Alleine können wir nichts gegen die Übermacht des Kapitals ausrichten.
Und nur gemeinsam, als ausgebeutete Klasse,
können wir Konzepte entwickeln und durchsetzen,
die uns erlauben, anders als heute zu leben und zu wirtschaften.

Anders als im Kapitalismus:
Frei und solidarisch.

Wir organisieren uns in der Freien Arbeiter und Arbeiterinnen Union aus der Erkenntnis heraus,
dass wir als Lohnabhängige, Arbeitslose und vielleicht später einmal Lohnabhängige alle in der
gleichen beschissenen Lage sind -
vor allem eines gemeinsam haben:

Unsere gemeinsame ökonomische und gesellschaftliche Rolle im Kapitalismus.
In unseren betrieblichen Kämpfen, durch Kulturarbeit und vieles andere können wir unsere Lage
kurzfristig verändern. So etwa aktuell in der Kampagne „Leiharbeit abschaffen“.
Und als sozialrevolutionäre Gewerkschaft sind wir eine Keimzelle der kommenden, emanzipierten
Gesellschaft.

Wir sind eben nicht Volk.
Wir sind Klasse.
Und wir entscheiden selbst, was zu tun ist.




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