Teilnehmerinnen und Teilnehmer,
Genossinnen und Genossen,

wir haben uns hier und heute zusammengefunden um der Märzrevolution
1920, ihren Opfern und ihren Idealen zu gedenken.

90 Jahre sind vergangen seit geschätzte 12 Millionen Arbeiter ihre
Arbeit zum ersten und letzten politischen Generalstreik der deutschen
Geschichte niederlegten und in Demonstration ihrer enormen Macht den
Putsch der Reaktionären Kapp und Lüttwitz in die Knie zwang.

Ein glorreicher Sieg der jungen Republik über die reaktionären Kräfte,
getragen durch die Arbeiterschaft als Stütze der nach der Niederlage des
Ersten Weltkriegs und der Novemberrevolution neuentstandenen Ordnung.

Soweit ist der Verlauf einem Großteil der historisch Interessierten
bekannt und so wird es auch heutzutage noch in der Schule gelehrt und
übermittelt.
Der weitere Verlauf der Märzrevolution von 1920 im Ruhrgebiet bleibt
jedoch leider weiterhin völlig unbeachtet und taucht in kaum einem
Geschichtsbuch, das dem Unterricht dient, auf. Die eigentliche
Revolution ist nämlich nicht die Abwehr des Sieges der Putschisten – die
eigentliche Revolution ist eine (nahezu) vergessene Revolution:

Nach dem Erfolg des Generalstreiks und der Niederlage der Putschisten,
rief die Regierung, die mittlerweile aus ihrem Zufluchtsort Stuttgart
zurückgekehrt war, dazu auf, die Arbeit wieder aufzunehmen und „…jetzt
ebenso tatkräftig zur Stelle, wie bei der Abwehr der Aufrührer“ zu sein.
Doch nicht jede/r wollte dieser Aufforderung nachkommen.
Im Ruhrgebiet hatte sich zur Wehr gegen die Putschisten die Rote Ruhr
Armee gegründet, die – einem einzelnen Arbeiterrat unterstellt – aus
eigenmächtig bewaffneten revolutionären Arbeitern und ehemaligen
Soldaten bestand. Ihre Kapazität wird heutzutage auf etwa 50 000
Mitglieder geschätzt.
Nach dem Aufruf der Regierung den Generalstreik zu beenden, sahen diese
und viele Sympathisanten ihre Ziele noch nicht erreicht. Sie gaben den
Generalstreik und die Befreiung des Ruhrgebietes von Militärs nicht auf.
Enttäuscht durch die Novemberrevolution 1918 und ihre Erben, der
SPD-Regierung, blieben die Proletarier bewaffnet und so genannte
Vollzugsräte – deren Mitglieder meist direkt aus Arbeiterparteien und
Gewerkschaften heraus bestimmt wurden – übernahmen die politische Macht
und erzielten rasch konkrete Verbesserungen der Arbeitsbedingungen. Bei
einer eintretenden Lebensmittelknappheit sorgten die Vollzugsräte für
eine gerechte Nahrungsverteilung und regelten darüber hinaus auch für
die lokale Verwaltung, die Bewaffnung der Arbeiter, die Entwaffnung
reaktionärer Bürger, die Verhaftung und Vernehmung der bekannten
Mitglieder der Einwohnerwehren und Zeitfreiwilligen-Korps, die
Entlohnung der Vollzugsräte und Arbeiterwehren.
Ein autonomes System hatte sich gebildet, das fähig war für eine
gerechte Versorgung zu sorgen.

Um den soeben erst verteidigten Machtstatus zu erhalten, beschloss die
Regierung, militärisch zu mobilisieren und mit den Revolutionären in
Verhandlungen zu treten, was sich im Bielefelder Abkommen niederschlug -
an das sich die Regierung allerdings selbst nicht hielt und das
Einrücken von Militärs, die vorher tatkräftig beim Kapp-Putsch
mitgewirkt hatten, noch vor Ende der für die Erfüllung der Forderungen
gesetzten Frist befahl.

Das Ergebnis:
Die Revolution wurde blutig niedergeschlagen.

Und so stehen wir hier, um der Revolution, ihrer Opfer und ihren Idealen
zu gedenken – einer Revolution, die droht in Vergessenheit zu geraten.

Aber was ist unser Gedenken anderes als die Trauer um Vergangenes und
ein Beweinen der Toten, wenn wir nichts daran setzen unsere gegenwärtige
Situation auf dem Hintergrund der Erkenntnisse aus Geschehenem zu gestalten?

Eine Gegenwart, in der einer der Regionalverbände der Gruppen, die
maßgeblich an der Märzrevolution beteiligt war, die Freie Arbeiterinnen
und Arbeiter Union Berlin, aus machtpolitischen Gründen das Recht
abgesprochen wird, sich weiterhin öffentlich als Gewerkschaft
darzustellen – was de facto einem Gewerkschaftsverbot gleichkommt!
Eine Gegenwart, in der die Arbeiterklasse in der Ausübung ihrer Macht
beschränkt und in faule Kompromisse geleitet wird, um sie um ihren
Arbeitsplatz betteln zu lassen, anstatt ihrem Bewusstsein für die eigene
Ausbeutung konsequente Alternativen aufzuzeigen!
Eine Gegenwart, die überhaupt wenig an Ideale erinnert, sondern den
Machterhaltungstrieb eingesessener Institutionen und deren dogmatischen
Strukturen widerspiegelt!

In einer Gegenwart wie dieser müssen wir uns bewusst werden, auf welchen
Wegen wir wandeln und was deren Ziel ist!

Gehen wir den undankbaren, kämpferischen und gerechten Weg, den auch die
Revolutionäre der Märzrevolution 1920 einschlugen?
Oder lassen wir das Andenken an diese Revolution verblassen bis ihr
nicht einmal mehr gedacht wird?
Bis auch die letzte Zeile aus den Geschichtsbüchern getilgt ist?

Dies kann keine Frage, sondern nur ein Appell sein, an alle die sich
heute hier versammelt haben mit dem ehrlichen Vorhaben des Gedenkens an
die Märzrevolution von 1920, denn wir sind es leid zu trauern und zu
beweinen!
Aber wir sind bereit uns zu besinnen!
Bereit uns aufzuraffen!
Bereit zu gestalten!
Jetzt und hier! Selbstverwaltet und basisdemokratisch! Vereint und
kämpferisch!




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